Sonntag, 20. Januar 2013
Gassengewirr, Fisch mit chinesischem Sauerkraut, und Karaoke
Nun sitze ich hier Zuckerrohr (das oft in ganzen Rohren bei Obstläden steht und dann vom Verkäufer direkt gehackt und geschält wird; in diesem Eintrag wird überhaupt viel von Essen die Rede sein) kauend und ausspuckend am Blog schreiben. Zur letzten Woche:

Zunächst hab ich schändlicherweise erst vor kurzem an einem nebligen Abend ein nettes Gassengewirr gleich südlich meines Campus entdeckt. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass das Gebiet meines Campus in Hefei eine Art Grenze darstellt. Nördlich davon gibt es eher hohe urbane Bürotürme und die reichere Innenstadt, südlich davon wird es teilweise schäbig. Dort gibt es auch mehr Ansammlungen von Grillständen, und eben solche nette dunkle enge Gassen (mit am Anfang vielen kleinen Restaurants, Läden etc., später dann nur noch Hauseingänge). Hier einige Bilder:


Kann die Atmosphäre nur unzureichend widergeben


Hier kam ich wieder hinaus zu einer Hauptstraße


Links ein Restaurant, rechts ein Schnapsladen


Nächtliche neblige Hauptstraße I


Nächtliche neblige Hauptstraße II


Erhöhte Straße vor meinem Campus-Westtor bei Tag


Erhöhte Straße vor meinem Campus-Westtor bei Nacht


Das große Gebäude links ist mein Mikrophysik-Gebäude am Südende meines Campus. Die beiden Türme rechts sind die 瀚海星座-(großes Meer-Sternenkonstellation-)Gebäude gleich außerhalb des Campus. In letztere werde ich vielleicht ab Juli ziehen, da dann der brütend heiße Sommer Einzug gehalten haben wird, meine Wohnung keine Klimaanlage hat und mein Mitbewohner ab etwa dieser Zeit auch seine Doktorarbeit in Shanghai fortsetzen wird


Der Name spricht für sich


Meine neue chinesische Lieblingsspeise: Fisch mit „chinesischem Sauerkraut“ aka 酸菜鱼, eine – natürlich – Spezialität aus Sichuan. Fischstücke schwimmen hier in scharfer Suppe. Das gibt es hier komischerweise öfters, ich bin wohl nicht der einzige Mensch in Hefei, der das gerne isst. Die ersten etwa 2x habe ich es auch in Hangzhou gegessen, allerdings war mir damals der Name entfallen


Oben links sind schwarze, etwas glibbrige „tausendjährige Eier“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Tausendj%C3%A4hrige_Eier), an deren Geschmack man sich finde ich erst einmal gewöhnen muss, die ich aber inzwischen sehr gerne esse (wie ja seit längerem schon Tofu); unten links ein Gericht mit Erdnüssen und Lammfleischstückchen u.a.; rechts ein Reisbrei, auch mit kleinen tausendjährigen Eierstücken – das einzige nicht so tolle


Eine spezielle Art von Nudeln am Grill (合粉)


Typische (kleinere) Auswahl an Grillspießen (hat in diesem Fall aber nicht so gut geschmeckt)


Das erste wirklich authentische Grillbild meiner Blogs. Es gibt einige Stände, die Fleisch-, Fisch und Gemüsestücke am Spieß auslegen (aber auch größere Fleischstücke oder eine ganze große Aubergine; oder Austern). Man kann sich das Essen seiner Wahl in eine Schale legen, übergibt sie den Grillmeistern, setzt sich und wartet, bis es fertig ist. Diese Stände machen abends auf und grillen teilweise bis tief in die Nacht hinein – je nach Kundschaft. Sie sind aber eher dreckig und werden von einigen Chinesen daher grundsätzlich gemieden. Aber ziemlich urig

Eine Art „Heimatgrill“ wie in Hangzhou habe ich hier noch nicht, allerdings habe ich die ganzen Grilllokalitäten südlich meines Campus noch nicht systematisch ausprobiert.

Dann war ich in letzter Zeit noch 2x mit andern im KTV (Karaoke-TV, also Karaoke), darunter zum ersten Mal nur mit Chinesen, und überhaupt die ersten Male in Hefei. Ich habe es früher schon einmal erwähnt: KTVs in China sind nicht mit denen in Deutschland vergleichbar. KTVs ähneln oft eher Palästen. Man mietet sich mit seinen Freunden einen separaten Raum für eine bestimmte Zeit und singt nicht vor Fremden (überhaupt sind z.B. WG-Parties, bei denen man zum großen Teil Fremden über den Weg läuft, in China meines Wissens nach eher nicht existent; man bleibt tendenziell unter sich). Dabei ist ziemlich viel Alkohol geflossen, das liegt aber an den Leuten, mit denen ich aus war, und ist bei weitem nicht grundsätzlich so. Und es wurden mir mittendrin Hühnerfüße aus der Plastikpackung angeboten – ich habe das also nicht nur als Mitbringsel nach Deutschland gebracht, das wird hier auch wirklich, ab und zu, gegessen! Ich finde, dass Chinesen, Männer wie Frauen, oft sehr gut singen können, und zwar hauptsächlich sehr gefühlvolle Lieder, die in China am populärsten sind und am weitesten verbreitet.

Bis jetzt kann ich nur die chinesische Nationalhymne (leider auch nicht mehr so perfekt) und „Zwei Tiger“ singen (zu der Melodie von „Bruder Jakob“), letztere direkt übersetzt:

Zwei Tiger, zwei Tiger,
Rennen so schnell, rennen so schnell,
Einer hat keine Ohren,
Einer hat keinen Schwanz,
Sehr komisch, sehr komisch.

:-) … Beide sind aber leider nicht sonderlich KTV-tauglich.

Ich habe mich dennoch etwas am Singen versucht (an englischen Liedern), allerdings eher in einer kläglichen Weise. Ich kenne nicht einmal die Namen der bekanntesten Lieder, da ich singbare Lieder eigentlich nie höre. Metal und Techno kommen da schlecht an … Nun muss ich aber definitiv einige Lieder lernen, bis jetzt habe ich bei mir zu Hause nur ein paar von Linkin Park geübt und z.B. „Hey Ya“ von OutKast. Sind aber auch nicht so die klassischen gefühlvollen Lieder. Bis jetzt habe ich leider auch nicht (von Männern gesungene – von Frauen schon eher) chinesische Lieder gefunden, die mir wirklich gefallen, außerdem braucht es natürlich Zeit, sie zu lernen, aber ich habe – mal wieder – den festen Plan, mich weiter umzuhören und welche zu lernen!

Bevor ihr aber denkt, ich wäre in der letzten Zeit nur in KTVs, an Grillständen und in dunklen Gassen unterwegs gewesen, dann muss ich dem entgegenhalten, dass ich auch gelernt habe. Gerade schreibe ich anlässlich eines in den nächsten Tagen anstehenden mündlichen Berichts eine Zusammenfassung dessen, was ich in den letzten Monaten gemacht habe. Ich kann mich nur dem Schlusssatz des letzten Eintrags anschließen und hoffe, dass wir unsere größere Vakuumteil-Bestellung und ein paar andere kleinere Sachen noch vor dem Frühlingsfest hinkriegen werden – dafür bleiben uns noch knapp 2 Wochen.

Ich bin in letzter Zeit außerdem dazu übergegangen, im Büro anstatt heißem Wasser und Instant-Kaffee (solche heiße Wasser-Maschinen gibt es ja überhaupt ziemlich oft, so in der Uni und in Zügen; mit diesen kann man sich etwa auch die – ursprünglich aus Japan stammenden – „bequemen Nudeln“ zubereiten, die ich aber nicht wirklich mag) den Tee eines Freundes aus Lu’an zu trinken, dem Gebiet westlich von Hefei. Das war es erst einmal wieder aus meinem Leben.



Sonntag, 13. Januar 2013
Deutschland und Rückreise
Weihnachten und Silvester sind vorüber, mein Deutschland-Aufenthalt auch. Es hat mich gefreut, viele von euch dort sehen zu können!
Daher zur Abwechslung ein paar Deutschland-Fotos:


Jesus


Stadtmauer in Landsberg am Lech


Bayertor in Landsberg am Lech


Hamburger Hafen


Berchtesgaden

Mein Rückflug ging über Wien, wo ich tagsüber herumlaufen konnte. Danke für die Tour, Felix!


Kunsthistorisches Museum in Wien


Parlament Österreichs

Bedeutende Kleinodien des Heiligen Römischen Reiches http://de.wikipedia.org/wiki/Reichskleinodien wie Reichskrone, die Heilige Lanze, das Reichsschwert, den Krönungsmantel, den Reichsapfel etc., die in der Wiener Hofburg aufbewahrt werden, konnte ich leider nicht sehen – vielleicht beim nächsten Mal! ;-)

Dann ging es mit dem Nachtflug nach Beijing. Diesmal ging die Route über Osteuropa und Sibirien – sonst war ich ja immer erst über Südosteuropa, die Türkei, den Irak und den Persischen Golf in die Vereinigten Arabischen Emirate und dann über Indien und Südostasien nach China geflogen. So konnte ich die aufgehende Sonne über den Ausläufern der Wüste Gobi nahe Beijing sehen. Dann kamen einige Gebirgsketten und ich versuchte, die Große Mauer zu entdecken. Oft sah ich Linien, die ich dafür hielt, allerdings habe ich sie letzten Endes nicht gesehen. Hinter diesen Gebirgsketten wurde die Luft ziemlich unklar – der Smog der zivilisierten Welt. Apropos Smog, Beijing mitsamt Nordchina knackt gerade in diesen Tagen neue Smog-Rekordnegativmarken.

In Beijing hab ich mich nun doch mit niemandem mehr getroffen, ich fuhr direkt zum Südbahnhof. Auf dem Weg sah ich das Hauptgebäude des Chinesischen Staatsfernsehens CCTV: http://static2.businessinsider.com/image/4fb43a9feab8ead11b000015-650/cctv-building-china.jpg Es wurde im Mai 2012 vollständig fertiggestellt und machte sonst von sich durch ein Feuer im Jahr 2009 reden. Bis dahin gab es noch einen zusätzlichen Turm daneben, und böse Zungen behaupteten, die beiden Gebäude zusammengenommen würden wie Geschlechtsteile aussehen. In Beijing spielten außerdem einige auf zugefrorenen Kanälen Eishockey, es war aber nicht so kalt, wie ich befürchtet hatte.

Teilweise tagsüber konnte ich dann noch mit einem hyperschnellen Gaotie („Gaotiä“, bis zu 300 km/h) durch die nordchinesische Ebene düsen, die ich damit zum ersten Mal zu Gesicht bekam. (als ich vor 3 Jahren zum ersten und bis jetzt einzigen Mal nach Beijing fuhr, war ich im Nachtzug unterwegs) Ganz ähnlich zu Deutschland also, wo auch der Norden flach und der Süden gebirgig ist. Und abgesehen liegt auch in Deutschland die Hauptstadt im Nordosten. Ich finde, Ebenen haben auch etwas! Insgesamt war der Eindruck auch grau und trist, aber klar, es ist Winter … Nach Jinan, der Hauptstadt Shandongs, wurde es dann wieder ziemlich hügelig, und es wurde dunkel … Nach 5 Stunden war ich in Hefei.

Hier aß ich dann mit meinem ägyptischen Freund und meinem Tandempartner zu Abend. Am nächsten Tag gab es erst einmal ein paar kleine Schwierigkeiten, wie dass meine Fahrradbremse und das Büro-Internet nicht mehr funktionierten, beides ließ sich aber letzten Endes einfach beheben. Sonst hab ich nun diverse Sachen wie Salamis, Mozartkugeln, Milka-Schokolade, Kakao und Plätzchen unters Volk verteilt …

Gestern besuchte ich außerdem einen Geophysik-Professor, der auch bei mir im Haus lebt und bis vor kurzem mit seiner Familie in San Diego lebte. Wenn er mal wieder „spielen“ geht, wie man im Chinesischen für Freizeitaktivitäten im Allgemeinen so schön sagt, will er sich auch mal bei mir melden. Mein ägyptischer Freund wird morgen wieder für 5-6 Wochen nach Saudi-Arabien fliegen. Mein chinesischer Professor wird in ein paar Tagen wieder aus Deutschland zurückkommen. Vor kurzem lernte ich noch einen indischen Englischlehrer flüchtig kennen, der mich zu einem allsonntäglichen Christentreffen einlud, wo ich vermutlich nächste Woche hingehen werde. Klingt gerade alles ziemlich international, Hefei ist aber nicht wirklich international! Und insgesamt hoffe ich, dass wir noch möglichst alles für unser Experiment bis zu den Chinesischen-Neujahrs-Ferien, die etwa Anfang Februar beginnen werden, bestellen können, damit wir das dann danach ordentlich aufbauen können.



Freitag, 14. Dezember 2012
Die Welt geht unter ...
(und zwar am 21.12.2012 um 24 Uhr, wenn ich es richtig verstanden habe. Vermutlich meinten die Mayas die Zeitzone der Central Standard Time Yucatans etc., das würde dann meinen Berechnungen nach dem 22.12. 7 Uhr mitteleuropäischer und dem 22.12. 14 Uhr chinesischer Zeit entsprechen)

… aber ich komme trotzdem nach Deutschland, und zwar am 23.12. für etwa zwei Wochen. Falls wer etwas Besonderes möchte, vielleicht kann ich es noch besorgen. Zur Auswahl stehen etwa Tee, Seide, chinesische Malereien, Zigaretten, Schnaps, Sichuan-Pfeffer und so ein Krimskrams!

Hier gibt’s nun auch endlich ein paar mehr Fotos von Hefei, alle leider schon wieder etwas verstaubt (da war es noch wärmer): http://pic-hoster.net/gallery/938/Hefei

Noch ein Link zu Architektur in China: http://www.theatlantic.com/infocus/2012/11/chinese-architecture-old-and-new/100409/#img30

Bei dieser Gelegenheit drück ich euch noch ein paar interessante Fakten betreffend des Energieverbrauchs in China auf die Nase: (vom schon etwas alten Artikel auf http://newpopulationbomb.com/2012/03/10/chinas-trade-deficit-thats-right-deficit/)

1993 China wird Erdöl-Nettoimporteur (davor war es Nettoexporteur)
2010 China verbraucht mehr Energie als die USA; Saudi-Arabien verkauft zum ersten Mal mehr Öl nach China als an die USA
2011 China wird der weltgrößte Kohle-Importeur (1975-2011 war es Japan) (China ist auch der größte Kohlehersteller und Kohleverbraucher)
Vorhersage von Goldman Sachs: China wird die USA Mitte 2013 als der größte Ölimporteur ablösen
China ist aber noch nicht der weltgrößte Öl-Verbraucher, das sind noch die USA

Hier noch ein neuer Internet-Trend aus China, die App Weixin (direkt übersetzt: „Mikro-Brief“ [SMS ist „kurzer Brief“]; englischer Name „WeChat“), das eine Art mobiles Facebook sein will, aber lest selbst: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/chat-dienst-weixin-anti-facebook-aus-dem-zensur-reich-china-a-868893.html In China sind Facebook, Twitter und Youtube gesperrt – anstelle dieser haben sich andere, stärker gefilterte Webseiten entwickelt. Und anstatt Google wird hier etwa meistens Baidu verwendet.

Hier noch ein paar Fotos mit Erläuterung:


Am Westsee in Hangzhou malt ein alter Mann einen Drachen und einen Phoenix auf den Boden – traditionell Symbole für den Kaiser und seine Frau


Blick von der Fremdsprachenabteilung der Bibliothek auf den West-Campus der USTC


Selbstgemachte Jiaozi (Fleisch-/Gemüsegefüllte Teigtaschen)


Gegrillte Aubergine mit Knoblauch, Chili etc. Schmeckt viel besser, als sie hier gerade aussieht, also sehr gut!


Rettich-Kuchen, scharfe Kartoffelstreifen, schwarze Holzohren, super Fisch, und so weiter


In einer „Gelbe Pflaumen-Oper“ (Huangmei-Oper), die lokale Opernform von Anhui. Mir wurde von zwei Leuten gesagt, dass die Peking-Oper von der Huangmei-Oper abstammt, ich habe das aber nicht weiter nachgeprüft


Scharfer Fisch nach Chongqing-Art


Damit er schön brutzelt, schwimmt darunter im Wasser eine Metallschüssel mit glühender Kohle