China, USA, Hefeis Besonderheit, usw.
Es ist wieder so weit, es tut mir aber Leid für die lange Funkstille. Viele Bilder von Hefei, die ich geschossen habe, werden demnächst noch folgen – hier kommt nur eine kleine Auswahl. Mein Fahrrad ist wie gesagt sehr genial.
Erst einmal ein bisschen Politik-Grundwissen ;-) Am 8. November beginnt der 18. Parteitag der KP Chinas. Er fand seit dem Jahr 1977 regelmäßig alle 5 Jahre statt (davor unregelmäßig). Es gilt seit längerer Zeit als ziemlich klar, dass an diesem offiziell beschlossen werden wird, dass Präsident Hu Jintao (zwischendurch mächtigster Mann der Welt, aktuell gemäß der Forbes-Liste Dritter hinter Barack Obama und Wladimir Putin) von Xi Jinping („Schi Dschinping“) und Premier Wen Jiabao von Li Keqiang („Li Ketchiang“) abgelöst werden werden. Die beiden derzeitig regierenden mächtigen Männer Chinas sind seit dem Jahr 2002 an der Macht; und die beiden neuen sind sogenannte „Prinzlinge“: ihre Karrieren wurden offenbar ganz erheblich durch ihre jeweiligen Väter begünstigt, welche früher mächtige Parteimitglieder waren. Li Keqiang wurde übrigens in Anhui geboren und ging eine Zeit lang in Hefei zur Schule. Zwei Tage davor, am 6. November, sind die Präsidentschaftswahlen in den USA. In China ist es klar, wer die nächsten starken Männer sein werden – in Amerika ist es das nicht. Wie auch immer, in ein paar Tagen werden die Führungspositionen der zwei größten Volkswirtschaften der Welt neu besetzt/gewählt.

Beim Dorf Dawei. Hier kann man u.a. viele Trauben selbst pflücken

Eine besondere Art von Hot Pot. Ich glaube aus Beijing

Spruch von Einstein aka 爱因斯坦 vor unserm Büro, in traditioneller Schriftrichtung von oben nach unten und von rechts nach links geschrieben
Außerdem soll noch erwähnt sein, dass an diesem kritischen Zeitpunkt gerade am letzten Freitag ein Artikel in der New York Times mit dem Inhalt erschien, dass Wen Jiabaos Familie inzwischen 2,7 Milliarden US-Dollar angesammelt haben soll. Daraufhin wurden die Website der NYT etc. in China gesperrt. Es wurde meines Wissens aber keine direkte Korruption nachgewiesen. Eigentlich wollte die KP mit der Entmachtung des Bürgermeisters Chongqings im letzten März, Bo Xilai, schon eine Art Selbstreinigung inszenieren.
Am 11.10. wurde außerdem Mo Yan (ein Künstlername mit der Bedeutung „spricht nicht“) der Literatur-Nobelpreis verliehen, was sich in unserm Büro schnell rumsprach. Er wurde auch in der gleichen Stadt geboren wie meine Mitbewohnerin Lin (Weifang/Shandong). Er ist damit der erste Chinese mit chinesischer Staatsbürgerschaft, der einen Nobelpreis erhielt – nach dem 2010 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Dissidenten Liu Xiaobo, der allerdings damals wie heute im Gefängnis sitzt.
Ich möchte noch anmerken, dass Hefei im Gegensatz zu Hangzhou eine echte Fußgängerzone besitzt, also eine Einkaufsstraße ohne Autos. Wenn die befestigten Geschäfte abends zumachen, machen ab etwa 11 Uhr (wie an einigen anderen Orten auch) Straßenstände auf, an denen man Kleidung und alles Mögliche andere kaufen kann. In der Innenstadt ist an Lautstärke und Leuten wirklich viel geboten, und wenn man Stress haben will, dann würde ich vorschlagen, in eine Spielhalle-/hölle zu gehen! Ich war in Deutschland nie wirklich in einer Spielhalle … aber ich vermute trotzdem mal, dass es in chinesischen durchschnittlich lauter ist?
Was die Masterarbeit angeht, so geht es leider nicht sehr schnell voran. Wir werden hoffentlich möglichst bald möglichst viele Dinge bestellen, die wir für unser Experiment brauchen. Erst einmal müssen wir uns klar darüber werden, was genau wir eigentlich brauchen. Vor Weihnachten kann es eine nennenswerte Aufbauarbeit auf keinen Fall geben, bis dahin ist es erst einmal Design und Theorie. Praktisch sind wir erst einmal mehr damit beschäftigt, z.B. Schränke aufzubauen, als Laserstrahlen genau auf die Mitte eines Spiegels zu richten oder Atome zu fangen.
Ich hab noch länger darüber nachgedacht, ob Hefei irgendeine Besonderheit hat. Hefei hat nicht den Westsee/die Teeberge Hangzhous, die Wolkenkratzer-Glitzerfassade Shanghais oder die vielen alten Denkmäler Xi’ans. Hier gibt es einfach nur viele Restaurants, viele Chinesen, viele Elektroroller (aber auch relativ viele Motorräder), einige Grillstände, hohe Häuser, viele Baustellen, keine U-Bahn, verrückten Berufsverkehr mit überfüllten Bussen und den einen oder andern vor kurzem restaurierten Tempel – so, wie es normal für eine mittelgroße (also große) Stadt in China ist. Aber eine Besonderheit gibt es glaube ich doch: es gibt hier relativ viele erhöhte Straßen, die über anderen Straßen entlanglaufen – so zum Beispiel (seit 4 Jahren) vor dem West- und Haupttor meines Campus. Hier einige besonders schöne Exemplare:
Ansonsten hab ich in der letzten Zeit viel mit einem Ägypter unternommen, der allerdings vor allem in Abha im Süden Saudi-Arabiens nahe zum Jemen aufgewachsen ist. Sein Chinesisch ist etwa so gut wie meines, er lebt seit zwei Jahren in China. Er ist ein „echter“ Muslim, betet also fünfmal am Tag, trinkt keinen Alkohol, raucht nicht, isst nur Halal-Fleisch (beim Töten des Tieres muss z.B. „im Namen Allahs“ ausgesprochen werden – bei Fischen ist das aber nicht unbedingt notwendig) – das macht die Suche nach einem Restaurant oder Essen auf der Straße nicht unbedingt einfach. Aber in einem muslimischen Restaurant in der Innenstadt hatte ich bis jetzt das beste Essen in Hefei – lag vielleicht aber auch an meinem Hunger: Dumplings/Jiaozi, Rindfleisch-Streifen und Aubergine. Es ist gleich bei der Moschee, wo er jeden Freitagmittag hingeht, und der Ägypter ist einer der wenigen, der den arabischen Korantext versteht. Seine Familie stammt vom vierten Kalifen Ali (r. 656-661) ab (auf den dann die Umayyaden-Kalifen folgten); seine Vorfahren wanderten vor etwa 300 Jahren von Saudi-Arabien nach Ägypten aus, bis sein Vater dann vor etwa 25 Jahren wieder zurückging.
Ich hab es in persönlichen Gesprächen schon öfters erwähnt, aber die meisten Ausländer hier scheinen aus Pakistan und Schwarzafrika zu kommen (weitere Favoriten vielleicht noch Sudan, Jemen und Südafrika). Natürlich gibt es auch einige Westler, v.a. Sprachstudenten an der Anhui-Universität, Englischlehrer oder Expats im Allgemeinen, aber nicht so viele wie in Hangzhou. Aus dem Nahen und Mittleren Osten gibt es recht wenige, ebenso gibt es nicht allzu viele Inder und sehr, sehr wenige Südamerikaner. Deutsche hab ich hier in den 6 Wochen noch keine getroffen, aber ich habe von welchen gehört. Ich hab bis jetzt aber auch nicht aktiv nach welchen gesucht. Was Europäer im Allgemeinen angeht, so hab ich bis jetzt nur einmal mit einem Engländer in einer Bar gesprochen. Amis und Kanadier hab ich hier schon mehr getroffen.
Gangnam Style vom Koreaner PSY wird hier rauf und runter gespielt (aber in Deutschland und überall sonst auf der Welt wohl auch):
http://www.youtube.com/watch?v=60MQ3AG1c8o Im Chinesischen wird das Lied Jiangnan Style ausgesprochen, sodass ich dachte, es wäre der Style von Jiangnan, der reichen Region Chinas am Unterlauf des Jangtse. Aber es ist ein Teil von Seoul, der mit den gleichen Schriftzeichen geschrieben wird, im Koreanischen aber unterschiedlich ausgesprochen wird.

In unserm 18-stöckigen Haus für Mikrophysik
Am vorletzten Wochenende war ich außerdem in Hangzhou … Und noch eine Neuigkeit: seit kurzem gibt es eine richtige Schnellzugstrecke zwischen Hefei und Beijing (seit 16.10.; Verkürzung von 9,5 auf 4 Stunden). Die Schnellzugstrecke von Nanjing nach Hangzhou, die auch die Fahrtzeit von Hefei nach Hangzhou verkürzen und keinen Umweg mehr über Shanghai nötig machen würde
http://en.wikipedia.org/wiki/Nanjing%E2%80%93Hangzhou_Intercity_Railway, lässt aber noch auf sich warten. Dennoch wäre so ein Ticket aber wohl so „teuer“ (vielleicht 35 EUR), dass ein schon existierender langsamerer Zug über Nacht zumindest für mich besser wäre (vielleicht 15 EUR).
In der ersten Oktoberwoche waren ja außerdem anlässlich des Gründungstags der VR China am 1.10.1949 Ferien. Somit war an vielen Orten 庆祝国庆 (Feier der Landesbefreiung) zu lesen.

Geschossen auf der Jangtse-West-Straße, die während dieser Woche festlich geschmückt war
Außerdem hab ich vor kurzem hier noch eine Essstraße entdeckt gleich am Campus entdeckt, die aber nicht ganz so lang ist wie die meine alte in Hangzhou.
[erstellt am 30.9. - neue Handynummer in Adresse am 12.11. eingefügt]
Das wird nun ein sehr, sehr, sehr langer erster Eintrag. Ich werde natürlich nicht immer so viel wie nun zu Beginn schreiben, z.B. aus dem Hauptgrund, dass mein Leben dann nicht mehr so interessant sein wird wie am Anfang. Wer Lust hat, ihn sich durchzulesen, der tue es, und diejenigen, die keine Lust drauf haben, die tun es am besten nicht ;-)
Das ist die Fortsetzung des Blogs
http://www.hangzhou.blogger.de, in dem ich mein China Studies-Studium an der Zhejiang-Universität beschrieben habe.
Was ich hier tue
Ich werde nun meine einjährige Physik-Masterarbeit an der Universität der Wissenschaft und Technologie Chinas (University of Science and Technology of China/USTC – sie wurde in Peking gegründet, ist aber während der Kulturrevolution 1966-1976 nach Hefei umgezogen) schreiben. Zwar bin ich noch an der Uni Heidelberg eingeschrieben, doch habe ich einen chinesischen Betreuer vor Ort – Zhensheng (ausgesprochen: Dschenscheng). Ich soll eine zweidimensionale magneto-optische Falle (MOT) für Lithium6-Atome bauen. Das heißt, ich werde Laser und magnetische Felder dazu benutzen, um Lithium-Atome (möglichst ein paar Milliarden pro Durchlauf) auf ein paar Kelvin, also auf etwa -270° C abzukühlen. Diese kalten Atome werden durch weitere Techniken wie dem Fangen in einer dreidimensionalen MOT etc. noch weiter bis nahe dem absoluten Nullpunkt abgekühlt, und dann werden ihre Eigenschaften untersucht ….. mal so allgemein gesagt. Die erste 2D-MOT überhaupt wurde 1998 gebaut, die erste 2D-MOT für Li 2009 – beide in Amsterdam. (es gibt aber noch alternative Wege, um Lithium bzw. Atome generell stark abzukühlen) Bei unserem Experiment ist bis jetzt sehr wenig aufgebaut, es gibt also einiges zu tun.
Hier bin ich im Hefei National Laboratory for Physical Sciences at Microscale
http://quantum.ustc.edu.cn/ Hier wie auch in einer Zweigstelle in Shanghai wird an Quantencomputern und Quantenkryptographie gearbeitet. Meine Arbeit hat damit nur sehr am Rande zu tun, sie ist weniger anwendungsbezogen und mehr Grundlagenforschung. Bis man vernünftige Quantencomputer eventuell hat, falls überhaupt, wird es ähnlich wie bis zu funktionierenden Fusionsreaktoren (wie dem ITER in Südfrankreich) auf jeden Fall noch einige Jahrzehnte dauern. Allerdings könnte die Quantenkryptographie, die abhörsichere Datenübertragung basierend auf miteinander verschränkten Teilchen, schon früher Einzug in unseren Alltag finden. Erst im Jahr 2012 gelang Physikern von der Shanghaier Zweigstelle, Information quantenkryptographisch über dem Qinghai-See in Westchina (wo die Luft besonders klar ist, nicht so verdreckt wie in Shanghai oder in Hefei) über etwa 100 km durch die Luft zu übertragen (etwas Ähnliches gelang vor kurzem österreichischen Physikern auf den Kanaren). So in etwa 5 Jahren wird eine solche Datenübertragung auch von der Erde aus auf einen Satelliten versucht werden. Aber, wie gesagt, meine Arbeit hat damit nicht direkt etwas zu tun; die Leute, die das machen, sind hier praktisch nur unsere Nachbarn.
Abu Dhabi
Während meinem Flug nach Shanghai hatte ich am Mo den 17.9. einen geplanten Aufenthalt in Abu Dhabi von etwa 7 Uhr morgens bis 23 abends. Die Stadt Abu Dhabi ist die Hauptstadt und größte Stadt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) am Persischen Golf. Die VAE besteht aus 7 Emiraten, deren größtes auch das Emirat Abu Dhabi ist. Ein anderes berühmtes Emirat ist Dubai, das nur etwa 1 Stunde entfernt mit dem Auto liegt.
Für die VAE brauchen Deutsche kein Visum, also bin ich auf Erkundungstour gegangen. Ursprünglich wollte ich eine Wüstentour machen, aber die habe ich nicht rechtzeitig geplant, so fuhr ich erst einmal mit dem Bus zur erst 2007 gebauten Schaich Zayid-Moschee, welche eine der größten Moscheen der Welt ist und so aussieht, als ob sie direkt 1001 Nacht entsprungen ist. Erst einmal musste ich ziemlich weit laufen, und ich war in der glühenden Sonne bereits um 9 Uhr morgens total verschwitzt. Das nächste Mal werde ich meinen schweren Rucksack definitiv am Flughafen abgeben und mir ein Käppi mitnehmen … Dann gab es an der Moschee keine Schilder, die zum Eingang führen, und ich musste erst um das riesige Gelände herumirren. Ich war ziemlich froh, als ich dann auch wirklich am Ziel angekommen war! Bereits hier gab es schon einige chinesische Touristen … (wobei, die gibt es in München ja auch massig) Abgesehen davon sind die VAE ja ein ziemlich buntes Gemisch aus (wenigen) einheimischen Arabern, aus Pakistanis, Bangladeschis, Filippinos, Schwarzafrikanern, Ägyptern etc. und Westlern. Und das alles aufgrund des Öls.
Da ich eine kurze Hose trug, musste ich ein weißes Gewand (eine Dishdasha vielleicht??) anziehen, um in das Innere der Moschee gelangen zu können. Der Eintritt ist frei.
Meine Suche nach einer näher gelegenen Busstation war erfolglos und so nahm ich ein Taxi zu einem Punkt, den ich als das Stadtzentrum ansah, am Strand gelegen. Ich lief etwas in den Straßen herum, und aus einem auf einem Balkon aufgestellten Lautsprecher erklang eine tiefe kläglich-melancholische Männerstimme, die unablässig mit Abstand dazwischen Allahu akbar (Allah ist groß) scheinbar mir letzter Kraft (kein Wunder bei der Hitze!!) seufzte. Irgendwann verlor ich wieder die Nerven und ich nahm ein Taxi zum Emirates Palace, einem schicken Hotel, in das ich mit kurzer Hose auch nicht hineingekommen wäre. Allerdings durfte ich etwas im Garten rumlaufen.

40-jährige Gründung der VAE

Der Emirates Palace

Hochhäuser

Ein „Bürgersteig“

„Vater“ Zayed
Es macht keinen Spaß, in Abu Dhabi zu Fuß herumzulaufen. Die Fußgängerwege verlaufen sich manchmal buchstäblich im Sand und sind nicht mehr existent. Hier nimmt man wirklich am besten ein Taxi. Erschöpft bin ich dann schon ziemlich früh zum Flughafen zurückgefahren und habe „Nudeln für das Volk“ gelesen, in dem eine chinesisch-stämmige US-Amerikanerin ihre Kocherfahrungen chinesisches Essen betreffend beschreibt. Leider wurde mein Flug nach Shanghai dann um 11 Stunden nach hinten verschoben und mir wurde eine teure Nacht im Crowne Plaza-Hotel bezahlt. Allein mein Abendessen-Buffet war 50 Dollar wert.
Hefei („Chöfäi“ – ch wie in ach, nur etwas weicher): Zimmer, Mensa und Büro
Da ich am nächsten Tag erst spät in Shanghai ankam, musste ich noch eine Nacht dort übernachten und konnte erst am nächsten Tag mit dem Zug nach Hefei fahren (etwa 3 Stunden mit dem Schnellzug, wobei man erst mal innerhalb von Shanghai 1 Stunde mit dem Bus fahren muss). Hefei (heißt „zwei Dicke“ [Menschen]; antiker Name Luzhou) hat gemäß Wikipedia inklusive zugehöriger ländlicher Gebiete 5,7 Millionen Einwohner; in der Stadt selbst leben wohl 3,4 Millionen Menschen. Sie ist die Hauptstadt der eher ländlichen und armen (also nicht vergleichsweise reich wie etwa Zhejiang oder sogar Shanghai) Provinz Anhui in Ostchina mit 60 Millionen Menschen.
An der Bahnstation Hefei wurde ich dann von einem Masterstudenten meiner Arbeitsgruppe namens Qian („Tchiän“ – ch wie in ich) abgeholt und zu meinem Zimmer geführt. Hier wohne ich in einer WG (jeder mit Einzelzimmern) mit dem Doktoranden Jun („Dschün“), der in einer benachbarten Arbeitsgruppe auch mit kalten Atomen arbeitet. Er war vor kurzem auch für ein halbes Jahr in Heidelberg, und da er etwa seit 6 Jahren auf dem Ostcampus lebt, ist er praktisch ein Profi-USTCler, von dem ich sicher einige wertvolle Tipps bekommen kann! :-)
Ich wohne im Ostteil des Ostcampus im 6. und damit höchsten Stock meines Hauses (nach deutscher Zählart wäre es der 5. Stock; ohne Aufzug …). In diesem Ostteil lebten früher USTC-Professoren und –Dozenten, die nun aber größtenteils in den Südcampus umgezogen sind und hier nur noch mehr 10-15% ausmachen. Hier werden auch viele Wohnungen an Leute außerhalb der Universität vermietet. Meine Wohnung gehört einem chinesischen Physik-Professor, der die Wohnung von der Uni gestellt bekommt, nun aber bis auf weiteres in der Shanghai-Zweigstelle weilt. Sie hat alles, was man sich wünschen kann: ich habe hier sogar einen Parkettfußboden, eine Küche und eine Heizung (allerdings keinen Kühlschrank und keine Waschmaschine)! Da Hefei anders wie Hangzhou nördlich des Jangtse liegt (wenn auch nicht viel), sind hier Heizungen in normalen Wohnungen erlaubt. Diese Dinge sind für Deutschland Selbstverständlichkeiten, für China aber nicht, wo es vorkommen kann, dass die Studenten zu sechst in einem Zimmer leben (teils ohne Heizung oder Klimaanlage) und keinen Zugang zu einer Küche haben. Außerdem ist mein Zimmer hier nicht so überdimensioniert groß wie in Hangzhou, sondern normal klein, aber fein, und damit gemütlicher. Mein Haus ist ein typisch chinesisches Wohnhaus. Ich kenne meine Nachbarn noch nicht, allerdings leben hier wohl auch ein paar Rentner. An den Treppenhaus-Wänden sind rote Stempel mit Handynummern aufgebracht. Das Licht ist spärlich und geht nur bei Krach wie dem Einrasten der Tür an, es gibt also keine Schalter. Das Treppenhaus ist offen, d.h. weiter oben gibt es in Richtung Außen nur Wand-Ornamente und keine geschlossene Wand. Seit kurzem haben wir noch die Mitbewohnerin Lin.
Meine Adresse ist: (ich schick sie auch gerne als PDF)
230026 安徽省
合肥市金寨路96号
中国科技大学东校区微尺度量子信息部
Ingo Nosske (收), 手机 18715106415
P.R. China
Jun sitzt im Großraumbüro (in meinem Abteil gibt es etwa 24 Leute, im ganzen Raum vielleicht etwa 50, praktisch alle Chinesen …), in dem ich arbeite, 3 Sitze hinter mir. Ein Stuttgarter war bis vor einem Monat hier, und ein anderer deutscher Postdoc kommt vielleicht ab nächstem Sommer für einige Zeit. Eine schwarze Frau habe ich mal in das Gebäude hineingehen sehen. Sonst hab ich hier noch keine Ausländer entdeckt – und in den Mensen noch keinen einzigen! (apropos Mensa: es ist hier nicht so wie in einer deutschen Mensa. Die Mensa ist eher eine Ansammlung von privaten Schnelless-Buden, deren Köchen man bei ihrer Arbeit zusehen kann. Z.B. gibt es hier eine Nudelabteilung – ich glaube von chinesischen Muslimen betrieben –, die ihre Nudeln live per Hand machen. Hier werde ich sicher öfters essen) Allerdings kann ich natürlich nicht Chinesen von z.B. Koreanern, Japanern oder Malaien unterscheiden. Aber auf dem Campus gibt es trotzdem einige. Immerhin ist das Ausländerwohnheim hier komplett gefüllt, sodass ich da nicht mehr hinein konnte. Wenn es hier aber Ausländer gibt, dann sind es eher weniger Westler (außer vielleicht der eine oder andere Englischlehrer), sondern eher Afrikaner, Südasiaten und andere Ost-/Südostasiaten etc.

Vor der Mensa

In der Mensa

Für etwa 70 Cent werden innerhalb von etwa 3 Minuten ein Teigklumpen mit den Fingern zu Nudeln auseinandergezogen (eine Spezialität aus Shanxi, einer Provinz in Nordchina, sagt mein Wörterbuch), sie werden gekocht und etwas frisches Gemüse wird dazugegeben – fertig

In meinem Treppenhaus sind einige Handynummern wie diese hier auf die Wand gestempelt worden
In meiner Arbeitsgruppe gibt es abgesehen von Zhensheng inklusive mir 6 Leute, alles Masterstudenten. Ein paar können leider kein so gutes Englisch, mal sehen, wie das so wird. Ist aber gut für mein Chinesisch! Es gibt noch einige andere Gruppen, die sich mit ähnlichen Dingen wie wir beschäftigen, z.B. Juns Gruppe.

Büro
Qian half mir am Tag nach meiner Ankunft in Hefei auch noch netterweise bei vielen Sachen, wie z.B. bei Bettwäschekauf, Kontoeröffnung, Mensakartenbeschaffung und bei der Meldung bei einer Polizeistation. Bei letzterer war gerade Mittagspause und die Polizisten liefen alle mit ihren Reisschüsseln in der Hand hin und her. Ich wurde aber dennoch registriert :-)
Der Ostcampus
Eigentlich ist der Campus ein großer Park mit ein paar Gebäuden zwischendrin. Er gefällt mir damit mehr als der alte Zijingang-Campus in Hangzhou. (alt, da ich dort nicht mehr bin, er ist ja erst etwa 7 Jahre alt) Es gibt hier überhaupt viele Bäume und zwischendurch kleinere Parkanlagen, bei mir um die Ecke ist z.B. der „Granatapfelgarten“. Es gibt auch den einen oder andern chinesischen Pavillon und mindestens zwei kleine Seen hier.
Der Ostcampus liegt auch mehr im Stadtzentrum als der alte Zijingang-Campus. Auf dem Campus selbst leben auch ein paar einfache Leute, die hier z.B. Wäschereien, Obstläden oder Fahrradläden betreiben. Ich hab auch ein freilaufendes Huhn gesehen. Es gibt hier wie in Zijingang auch einige Katzen (aber ziemlich scheu). Dreimal hab ich sogar eine durch unser Großraumbüro huschen sehen. Die Wächter am Eingang des Gebäudes, der offen ist, können wohl nicht jede Katze am Eintreten hindern. Vielleicht suchen sie ihre Artgenossin vom Herrn Schrödinger. Ich hoffe bloß, dass so eine Katze nicht mal über unsern Labortisch hüpfen wird, aber da gibt es ja dann geschlossene Türen ;-)
Hier noch ein paar sehr schöne Bilder vom Ostcampus, an deren Qualität ich wohl nicht herankommen werde …:
http://www.it-weise.de/china/pictures/east-campus/index.html Überhaupt hab ich in meiner Umgebung sicher einige schöne Motive ausgelassen, aber ich kann ja nicht alles fotografieren ……
Ausflug zum Schwanensee
Am Sonntag vor einer Woche machte ich einen Ausflug zu den Regierungsgebäuden Hefeis und zum gleich südlich davon gelegenen Schwanensee. Hier entdeckte ich außerdem ein Stadion, in dem gerade ein Konzert des taiwanesisch-amerikanischen Sängers Wang Lihong stattfand. Ein paar Impressionen aus Hefei (ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit):

Hier sitzt die Regierung der Stadt Hefei

Das sich noch im Bau befindliche Anhui Radio & TV Center, davor der Schwanensee

In diesen provisorischen Wohnungen wohnen Bauarbeiter
Diese Bilder sehen zum Teil etwas trist aus. Trotzdem ist Hefei insbesondere im Zentrum eine erstaunlich grüne und sogar sehr schöne Stadt, wie ich bei einer kürzlichen Fahrradtour festgestellt habe (aber das hängt natürlich vom einzelnen Teil Hefeis ab). Denn ich habe mir nun ein ziemlich gutes Fahrrad geleistet, nicht solche Drahtesel wie das letzte Mal in Hangzhou.
Und wer sich für chinesische Feiertage interessiert: heute, am 30.9. ist das Mondfest (anlässlich dessen Mondkuchen gegessen wird) und am 1.10. ist der Nationaltag, da dann vor genau 63 Jahren die Volksrepublik China offiziell gegründet wurde, anlässlich dessen ich nun auch eine Woche Ferien habe. Außerdem war am 10.9. der Lehrertag, an dem meine Arbeitsgruppe Zhensheng geschlossen einen Blumenstrauß überreichte – da war ich aber noch nicht da. In Taiwan war der Lehrertag dagegen am 28.9., dem Geburtstag des Konfuzius.