China, USA, Hefeis Besonderheit, usw.
Es ist wieder so weit, es tut mir aber Leid für die lange Funkstille. Viele Bilder von Hefei, die ich geschossen habe, werden demnächst noch folgen – hier kommt nur eine kleine Auswahl. Mein Fahrrad ist wie gesagt sehr genial.
Erst einmal ein bisschen Politik-Grundwissen ;-) Am 8. November beginnt der 18. Parteitag der KP Chinas. Er fand seit dem Jahr 1977 regelmäßig alle 5 Jahre statt (davor unregelmäßig). Es gilt seit längerer Zeit als ziemlich klar, dass an diesem offiziell beschlossen werden wird, dass Präsident Hu Jintao (zwischendurch mächtigster Mann der Welt, aktuell gemäß der Forbes-Liste Dritter hinter Barack Obama und Wladimir Putin) von Xi Jinping („Schi Dschinping“) und Premier Wen Jiabao von Li Keqiang („Li Ketchiang“) abgelöst werden werden. Die beiden derzeitig regierenden mächtigen Männer Chinas sind seit dem Jahr 2002 an der Macht; und die beiden neuen sind sogenannte „Prinzlinge“: ihre Karrieren wurden offenbar ganz erheblich durch ihre jeweiligen Väter begünstigt, welche früher mächtige Parteimitglieder waren. Li Keqiang wurde übrigens in Anhui geboren und ging eine Zeit lang in Hefei zur Schule. Zwei Tage davor, am 6. November, sind die Präsidentschaftswahlen in den USA. In China ist es klar, wer die nächsten starken Männer sein werden – in Amerika ist es das nicht. Wie auch immer, in ein paar Tagen werden die Führungspositionen der zwei größten Volkswirtschaften der Welt neu besetzt/gewählt.

Beim Dorf Dawei. Hier kann man u.a. viele Trauben selbst pflücken

Eine besondere Art von Hot Pot. Ich glaube aus Beijing

Spruch von Einstein aka 爱因斯坦 vor unserm Büro, in traditioneller Schriftrichtung von oben nach unten und von rechts nach links geschrieben
Außerdem soll noch erwähnt sein, dass an diesem kritischen Zeitpunkt gerade am letzten Freitag ein Artikel in der New York Times mit dem Inhalt erschien, dass Wen Jiabaos Familie inzwischen 2,7 Milliarden US-Dollar angesammelt haben soll. Daraufhin wurden die Website der NYT etc. in China gesperrt. Es wurde meines Wissens aber keine direkte Korruption nachgewiesen. Eigentlich wollte die KP mit der Entmachtung des Bürgermeisters Chongqings im letzten März, Bo Xilai, schon eine Art Selbstreinigung inszenieren.
Am 11.10. wurde außerdem Mo Yan (ein Künstlername mit der Bedeutung „spricht nicht“) der Literatur-Nobelpreis verliehen, was sich in unserm Büro schnell rumsprach. Er wurde auch in der gleichen Stadt geboren wie meine Mitbewohnerin Lin (Weifang/Shandong). Er ist damit der erste Chinese mit chinesischer Staatsbürgerschaft, der einen Nobelpreis erhielt – nach dem 2010 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Dissidenten Liu Xiaobo, der allerdings damals wie heute im Gefängnis sitzt.
Ich möchte noch anmerken, dass Hefei im Gegensatz zu Hangzhou eine echte Fußgängerzone besitzt, also eine Einkaufsstraße ohne Autos. Wenn die befestigten Geschäfte abends zumachen, machen ab etwa 11 Uhr (wie an einigen anderen Orten auch) Straßenstände auf, an denen man Kleidung und alles Mögliche andere kaufen kann. In der Innenstadt ist an Lautstärke und Leuten wirklich viel geboten, und wenn man Stress haben will, dann würde ich vorschlagen, in eine Spielhalle-/hölle zu gehen! Ich war in Deutschland nie wirklich in einer Spielhalle … aber ich vermute trotzdem mal, dass es in chinesischen durchschnittlich lauter ist?
Was die Masterarbeit angeht, so geht es leider nicht sehr schnell voran. Wir werden hoffentlich möglichst bald möglichst viele Dinge bestellen, die wir für unser Experiment brauchen. Erst einmal müssen wir uns klar darüber werden, was genau wir eigentlich brauchen. Vor Weihnachten kann es eine nennenswerte Aufbauarbeit auf keinen Fall geben, bis dahin ist es erst einmal Design und Theorie. Praktisch sind wir erst einmal mehr damit beschäftigt, z.B. Schränke aufzubauen, als Laserstrahlen genau auf die Mitte eines Spiegels zu richten oder Atome zu fangen.
Ich hab noch länger darüber nachgedacht, ob Hefei irgendeine Besonderheit hat. Hefei hat nicht den Westsee/die Teeberge Hangzhous, die Wolkenkratzer-Glitzerfassade Shanghais oder die vielen alten Denkmäler Xi’ans. Hier gibt es einfach nur viele Restaurants, viele Chinesen, viele Elektroroller (aber auch relativ viele Motorräder), einige Grillstände, hohe Häuser, viele Baustellen, keine U-Bahn, verrückten Berufsverkehr mit überfüllten Bussen und den einen oder andern vor kurzem restaurierten Tempel – so, wie es normal für eine mittelgroße (also große) Stadt in China ist. Aber eine Besonderheit gibt es glaube ich doch: es gibt hier relativ viele erhöhte Straßen, die über anderen Straßen entlanglaufen – so zum Beispiel (seit 4 Jahren) vor dem West- und Haupttor meines Campus. Hier einige besonders schöne Exemplare:
Ansonsten hab ich in der letzten Zeit viel mit einem Ägypter unternommen, der allerdings vor allem in Abha im Süden Saudi-Arabiens nahe zum Jemen aufgewachsen ist. Sein Chinesisch ist etwa so gut wie meines, er lebt seit zwei Jahren in China. Er ist ein „echter“ Muslim, betet also fünfmal am Tag, trinkt keinen Alkohol, raucht nicht, isst nur Halal-Fleisch (beim Töten des Tieres muss z.B. „im Namen Allahs“ ausgesprochen werden – bei Fischen ist das aber nicht unbedingt notwendig) – das macht die Suche nach einem Restaurant oder Essen auf der Straße nicht unbedingt einfach. Aber in einem muslimischen Restaurant in der Innenstadt hatte ich bis jetzt das beste Essen in Hefei – lag vielleicht aber auch an meinem Hunger: Dumplings/Jiaozi, Rindfleisch-Streifen und Aubergine. Es ist gleich bei der Moschee, wo er jeden Freitagmittag hingeht, und der Ägypter ist einer der wenigen, der den arabischen Korantext versteht. Seine Familie stammt vom vierten Kalifen Ali (r. 656-661) ab (auf den dann die Umayyaden-Kalifen folgten); seine Vorfahren wanderten vor etwa 300 Jahren von Saudi-Arabien nach Ägypten aus, bis sein Vater dann vor etwa 25 Jahren wieder zurückging.
Ich hab es in persönlichen Gesprächen schon öfters erwähnt, aber die meisten Ausländer hier scheinen aus Pakistan und Schwarzafrika zu kommen (weitere Favoriten vielleicht noch Sudan, Jemen und Südafrika). Natürlich gibt es auch einige Westler, v.a. Sprachstudenten an der Anhui-Universität, Englischlehrer oder Expats im Allgemeinen, aber nicht so viele wie in Hangzhou. Aus dem Nahen und Mittleren Osten gibt es recht wenige, ebenso gibt es nicht allzu viele Inder und sehr, sehr wenige Südamerikaner. Deutsche hab ich hier in den 6 Wochen noch keine getroffen, aber ich habe von welchen gehört. Ich hab bis jetzt aber auch nicht aktiv nach welchen gesucht. Was Europäer im Allgemeinen angeht, so hab ich bis jetzt nur einmal mit einem Engländer in einer Bar gesprochen. Amis und Kanadier hab ich hier schon mehr getroffen.
Gangnam Style vom Koreaner PSY wird hier rauf und runter gespielt (aber in Deutschland und überall sonst auf der Welt wohl auch):
http://www.youtube.com/watch?v=60MQ3AG1c8o Im Chinesischen wird das Lied Jiangnan Style ausgesprochen, sodass ich dachte, es wäre der Style von Jiangnan, der reichen Region Chinas am Unterlauf des Jangtse. Aber es ist ein Teil von Seoul, der mit den gleichen Schriftzeichen geschrieben wird, im Koreanischen aber unterschiedlich ausgesprochen wird.

In unserm 18-stöckigen Haus für Mikrophysik
Am vorletzten Wochenende war ich außerdem in Hangzhou … Und noch eine Neuigkeit: seit kurzem gibt es eine richtige Schnellzugstrecke zwischen Hefei und Beijing (seit 16.10.; Verkürzung von 9,5 auf 4 Stunden). Die Schnellzugstrecke von Nanjing nach Hangzhou, die auch die Fahrtzeit von Hefei nach Hangzhou verkürzen und keinen Umweg mehr über Shanghai nötig machen würde
http://en.wikipedia.org/wiki/Nanjing%E2%80%93Hangzhou_Intercity_Railway, lässt aber noch auf sich warten. Dennoch wäre so ein Ticket aber wohl so „teuer“ (vielleicht 35 EUR), dass ein schon existierender langsamerer Zug über Nacht zumindest für mich besser wäre (vielleicht 15 EUR).
In der ersten Oktoberwoche waren ja außerdem anlässlich des Gründungstags der VR China am 1.10.1949 Ferien. Somit war an vielen Orten 庆祝国庆 (Feier der Landesbefreiung) zu lesen.

Geschossen auf der Jangtse-West-Straße, die während dieser Woche festlich geschmückt war
Außerdem hab ich vor kurzem hier noch eine Essstraße entdeckt gleich am Campus entdeckt, die aber nicht ganz so lang ist wie die meine alte in Hangzhou.