[erstellt am 30.9. - neue Handynummer in Adresse am 12.11. eingefügt]
Das wird nun ein sehr, sehr, sehr langer erster Eintrag. Ich werde natürlich nicht immer so viel wie nun zu Beginn schreiben, z.B. aus dem Hauptgrund, dass mein Leben dann nicht mehr so interessant sein wird wie am Anfang. Wer Lust hat, ihn sich durchzulesen, der tue es, und diejenigen, die keine Lust drauf haben, die tun es am besten nicht ;-)
Das ist die Fortsetzung des Blogs
http://www.hangzhou.blogger.de, in dem ich mein China Studies-Studium an der Zhejiang-Universität beschrieben habe.
Was ich hier tue
Ich werde nun meine einjährige Physik-Masterarbeit an der Universität der Wissenschaft und Technologie Chinas (University of Science and Technology of China/USTC – sie wurde in Peking gegründet, ist aber während der Kulturrevolution 1966-1976 nach Hefei umgezogen) schreiben. Zwar bin ich noch an der Uni Heidelberg eingeschrieben, doch habe ich einen chinesischen Betreuer vor Ort – Zhensheng (ausgesprochen: Dschenscheng). Ich soll eine zweidimensionale magneto-optische Falle (MOT) für Lithium6-Atome bauen. Das heißt, ich werde Laser und magnetische Felder dazu benutzen, um Lithium-Atome (möglichst ein paar Milliarden pro Durchlauf) auf ein paar Kelvin, also auf etwa -270° C abzukühlen. Diese kalten Atome werden durch weitere Techniken wie dem Fangen in einer dreidimensionalen MOT etc. noch weiter bis nahe dem absoluten Nullpunkt abgekühlt, und dann werden ihre Eigenschaften untersucht ….. mal so allgemein gesagt. Die erste 2D-MOT überhaupt wurde 1998 gebaut, die erste 2D-MOT für Li 2009 – beide in Amsterdam. (es gibt aber noch alternative Wege, um Lithium bzw. Atome generell stark abzukühlen) Bei unserem Experiment ist bis jetzt sehr wenig aufgebaut, es gibt also einiges zu tun.
Hier bin ich im Hefei National Laboratory for Physical Sciences at Microscale
http://quantum.ustc.edu.cn/ Hier wie auch in einer Zweigstelle in Shanghai wird an Quantencomputern und Quantenkryptographie gearbeitet. Meine Arbeit hat damit nur sehr am Rande zu tun, sie ist weniger anwendungsbezogen und mehr Grundlagenforschung. Bis man vernünftige Quantencomputer eventuell hat, falls überhaupt, wird es ähnlich wie bis zu funktionierenden Fusionsreaktoren (wie dem ITER in Südfrankreich) auf jeden Fall noch einige Jahrzehnte dauern. Allerdings könnte die Quantenkryptographie, die abhörsichere Datenübertragung basierend auf miteinander verschränkten Teilchen, schon früher Einzug in unseren Alltag finden. Erst im Jahr 2012 gelang Physikern von der Shanghaier Zweigstelle, Information quantenkryptographisch über dem Qinghai-See in Westchina (wo die Luft besonders klar ist, nicht so verdreckt wie in Shanghai oder in Hefei) über etwa 100 km durch die Luft zu übertragen (etwas Ähnliches gelang vor kurzem österreichischen Physikern auf den Kanaren). So in etwa 5 Jahren wird eine solche Datenübertragung auch von der Erde aus auf einen Satelliten versucht werden. Aber, wie gesagt, meine Arbeit hat damit nicht direkt etwas zu tun; die Leute, die das machen, sind hier praktisch nur unsere Nachbarn.
Abu Dhabi
Während meinem Flug nach Shanghai hatte ich am Mo den 17.9. einen geplanten Aufenthalt in Abu Dhabi von etwa 7 Uhr morgens bis 23 abends. Die Stadt Abu Dhabi ist die Hauptstadt und größte Stadt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) am Persischen Golf. Die VAE besteht aus 7 Emiraten, deren größtes auch das Emirat Abu Dhabi ist. Ein anderes berühmtes Emirat ist Dubai, das nur etwa 1 Stunde entfernt mit dem Auto liegt.
Für die VAE brauchen Deutsche kein Visum, also bin ich auf Erkundungstour gegangen. Ursprünglich wollte ich eine Wüstentour machen, aber die habe ich nicht rechtzeitig geplant, so fuhr ich erst einmal mit dem Bus zur erst 2007 gebauten Schaich Zayid-Moschee, welche eine der größten Moscheen der Welt ist und so aussieht, als ob sie direkt 1001 Nacht entsprungen ist. Erst einmal musste ich ziemlich weit laufen, und ich war in der glühenden Sonne bereits um 9 Uhr morgens total verschwitzt. Das nächste Mal werde ich meinen schweren Rucksack definitiv am Flughafen abgeben und mir ein Käppi mitnehmen … Dann gab es an der Moschee keine Schilder, die zum Eingang führen, und ich musste erst um das riesige Gelände herumirren. Ich war ziemlich froh, als ich dann auch wirklich am Ziel angekommen war! Bereits hier gab es schon einige chinesische Touristen … (wobei, die gibt es in München ja auch massig) Abgesehen davon sind die VAE ja ein ziemlich buntes Gemisch aus (wenigen) einheimischen Arabern, aus Pakistanis, Bangladeschis, Filippinos, Schwarzafrikanern, Ägyptern etc. und Westlern. Und das alles aufgrund des Öls.
Da ich eine kurze Hose trug, musste ich ein weißes Gewand (eine Dishdasha vielleicht??) anziehen, um in das Innere der Moschee gelangen zu können. Der Eintritt ist frei.
Meine Suche nach einer näher gelegenen Busstation war erfolglos und so nahm ich ein Taxi zu einem Punkt, den ich als das Stadtzentrum ansah, am Strand gelegen. Ich lief etwas in den Straßen herum, und aus einem auf einem Balkon aufgestellten Lautsprecher erklang eine tiefe kläglich-melancholische Männerstimme, die unablässig mit Abstand dazwischen Allahu akbar (Allah ist groß) scheinbar mir letzter Kraft (kein Wunder bei der Hitze!!) seufzte. Irgendwann verlor ich wieder die Nerven und ich nahm ein Taxi zum Emirates Palace, einem schicken Hotel, in das ich mit kurzer Hose auch nicht hineingekommen wäre. Allerdings durfte ich etwas im Garten rumlaufen.

40-jährige Gründung der VAE

Der Emirates Palace

Hochhäuser

Ein „Bürgersteig“

„Vater“ Zayed
Es macht keinen Spaß, in Abu Dhabi zu Fuß herumzulaufen. Die Fußgängerwege verlaufen sich manchmal buchstäblich im Sand und sind nicht mehr existent. Hier nimmt man wirklich am besten ein Taxi. Erschöpft bin ich dann schon ziemlich früh zum Flughafen zurückgefahren und habe „Nudeln für das Volk“ gelesen, in dem eine chinesisch-stämmige US-Amerikanerin ihre Kocherfahrungen chinesisches Essen betreffend beschreibt. Leider wurde mein Flug nach Shanghai dann um 11 Stunden nach hinten verschoben und mir wurde eine teure Nacht im Crowne Plaza-Hotel bezahlt. Allein mein Abendessen-Buffet war 50 Dollar wert.
Hefei („Chöfäi“ – ch wie in ach, nur etwas weicher): Zimmer, Mensa und Büro
Da ich am nächsten Tag erst spät in Shanghai ankam, musste ich noch eine Nacht dort übernachten und konnte erst am nächsten Tag mit dem Zug nach Hefei fahren (etwa 3 Stunden mit dem Schnellzug, wobei man erst mal innerhalb von Shanghai 1 Stunde mit dem Bus fahren muss). Hefei (heißt „zwei Dicke“ [Menschen]; antiker Name Luzhou) hat gemäß Wikipedia inklusive zugehöriger ländlicher Gebiete 5,7 Millionen Einwohner; in der Stadt selbst leben wohl 3,4 Millionen Menschen. Sie ist die Hauptstadt der eher ländlichen und armen (also nicht vergleichsweise reich wie etwa Zhejiang oder sogar Shanghai) Provinz Anhui in Ostchina mit 60 Millionen Menschen.
An der Bahnstation Hefei wurde ich dann von einem Masterstudenten meiner Arbeitsgruppe namens Qian („Tchiän“ – ch wie in ich) abgeholt und zu meinem Zimmer geführt. Hier wohne ich in einer WG (jeder mit Einzelzimmern) mit dem Doktoranden Jun („Dschün“), der in einer benachbarten Arbeitsgruppe auch mit kalten Atomen arbeitet. Er war vor kurzem auch für ein halbes Jahr in Heidelberg, und da er etwa seit 6 Jahren auf dem Ostcampus lebt, ist er praktisch ein Profi-USTCler, von dem ich sicher einige wertvolle Tipps bekommen kann! :-)
Ich wohne im Ostteil des Ostcampus im 6. und damit höchsten Stock meines Hauses (nach deutscher Zählart wäre es der 5. Stock; ohne Aufzug …). In diesem Ostteil lebten früher USTC-Professoren und –Dozenten, die nun aber größtenteils in den Südcampus umgezogen sind und hier nur noch mehr 10-15% ausmachen. Hier werden auch viele Wohnungen an Leute außerhalb der Universität vermietet. Meine Wohnung gehört einem chinesischen Physik-Professor, der die Wohnung von der Uni gestellt bekommt, nun aber bis auf weiteres in der Shanghai-Zweigstelle weilt. Sie hat alles, was man sich wünschen kann: ich habe hier sogar einen Parkettfußboden, eine Küche und eine Heizung (allerdings keinen Kühlschrank und keine Waschmaschine)! Da Hefei anders wie Hangzhou nördlich des Jangtse liegt (wenn auch nicht viel), sind hier Heizungen in normalen Wohnungen erlaubt. Diese Dinge sind für Deutschland Selbstverständlichkeiten, für China aber nicht, wo es vorkommen kann, dass die Studenten zu sechst in einem Zimmer leben (teils ohne Heizung oder Klimaanlage) und keinen Zugang zu einer Küche haben. Außerdem ist mein Zimmer hier nicht so überdimensioniert groß wie in Hangzhou, sondern normal klein, aber fein, und damit gemütlicher. Mein Haus ist ein typisch chinesisches Wohnhaus. Ich kenne meine Nachbarn noch nicht, allerdings leben hier wohl auch ein paar Rentner. An den Treppenhaus-Wänden sind rote Stempel mit Handynummern aufgebracht. Das Licht ist spärlich und geht nur bei Krach wie dem Einrasten der Tür an, es gibt also keine Schalter. Das Treppenhaus ist offen, d.h. weiter oben gibt es in Richtung Außen nur Wand-Ornamente und keine geschlossene Wand. Seit kurzem haben wir noch die Mitbewohnerin Lin.
Meine Adresse ist: (ich schick sie auch gerne als PDF)
230026 安徽省
合肥市金寨路96号
中国科技大学东校区微尺度量子信息部
Ingo Nosske (收), 手机 18715106415
P.R. China
Jun sitzt im Großraumbüro (in meinem Abteil gibt es etwa 24 Leute, im ganzen Raum vielleicht etwa 50, praktisch alle Chinesen …), in dem ich arbeite, 3 Sitze hinter mir. Ein Stuttgarter war bis vor einem Monat hier, und ein anderer deutscher Postdoc kommt vielleicht ab nächstem Sommer für einige Zeit. Eine schwarze Frau habe ich mal in das Gebäude hineingehen sehen. Sonst hab ich hier noch keine Ausländer entdeckt – und in den Mensen noch keinen einzigen! (apropos Mensa: es ist hier nicht so wie in einer deutschen Mensa. Die Mensa ist eher eine Ansammlung von privaten Schnelless-Buden, deren Köchen man bei ihrer Arbeit zusehen kann. Z.B. gibt es hier eine Nudelabteilung – ich glaube von chinesischen Muslimen betrieben –, die ihre Nudeln live per Hand machen. Hier werde ich sicher öfters essen) Allerdings kann ich natürlich nicht Chinesen von z.B. Koreanern, Japanern oder Malaien unterscheiden. Aber auf dem Campus gibt es trotzdem einige. Immerhin ist das Ausländerwohnheim hier komplett gefüllt, sodass ich da nicht mehr hinein konnte. Wenn es hier aber Ausländer gibt, dann sind es eher weniger Westler (außer vielleicht der eine oder andere Englischlehrer), sondern eher Afrikaner, Südasiaten und andere Ost-/Südostasiaten etc.

Vor der Mensa

In der Mensa

Für etwa 70 Cent werden innerhalb von etwa 3 Minuten ein Teigklumpen mit den Fingern zu Nudeln auseinandergezogen (eine Spezialität aus Shanxi, einer Provinz in Nordchina, sagt mein Wörterbuch), sie werden gekocht und etwas frisches Gemüse wird dazugegeben – fertig

In meinem Treppenhaus sind einige Handynummern wie diese hier auf die Wand gestempelt worden
In meiner Arbeitsgruppe gibt es abgesehen von Zhensheng inklusive mir 6 Leute, alles Masterstudenten. Ein paar können leider kein so gutes Englisch, mal sehen, wie das so wird. Ist aber gut für mein Chinesisch! Es gibt noch einige andere Gruppen, die sich mit ähnlichen Dingen wie wir beschäftigen, z.B. Juns Gruppe.

Büro
Qian half mir am Tag nach meiner Ankunft in Hefei auch noch netterweise bei vielen Sachen, wie z.B. bei Bettwäschekauf, Kontoeröffnung, Mensakartenbeschaffung und bei der Meldung bei einer Polizeistation. Bei letzterer war gerade Mittagspause und die Polizisten liefen alle mit ihren Reisschüsseln in der Hand hin und her. Ich wurde aber dennoch registriert :-)
Der Ostcampus
Eigentlich ist der Campus ein großer Park mit ein paar Gebäuden zwischendrin. Er gefällt mir damit mehr als der alte Zijingang-Campus in Hangzhou. (alt, da ich dort nicht mehr bin, er ist ja erst etwa 7 Jahre alt) Es gibt hier überhaupt viele Bäume und zwischendurch kleinere Parkanlagen, bei mir um die Ecke ist z.B. der „Granatapfelgarten“. Es gibt auch den einen oder andern chinesischen Pavillon und mindestens zwei kleine Seen hier.
Der Ostcampus liegt auch mehr im Stadtzentrum als der alte Zijingang-Campus. Auf dem Campus selbst leben auch ein paar einfache Leute, die hier z.B. Wäschereien, Obstläden oder Fahrradläden betreiben. Ich hab auch ein freilaufendes Huhn gesehen. Es gibt hier wie in Zijingang auch einige Katzen (aber ziemlich scheu). Dreimal hab ich sogar eine durch unser Großraumbüro huschen sehen. Die Wächter am Eingang des Gebäudes, der offen ist, können wohl nicht jede Katze am Eintreten hindern. Vielleicht suchen sie ihre Artgenossin vom Herrn Schrödinger. Ich hoffe bloß, dass so eine Katze nicht mal über unsern Labortisch hüpfen wird, aber da gibt es ja dann geschlossene Türen ;-)
Hier noch ein paar sehr schöne Bilder vom Ostcampus, an deren Qualität ich wohl nicht herankommen werde …:
http://www.it-weise.de/china/pictures/east-campus/index.html Überhaupt hab ich in meiner Umgebung sicher einige schöne Motive ausgelassen, aber ich kann ja nicht alles fotografieren ……
Ausflug zum Schwanensee
Am Sonntag vor einer Woche machte ich einen Ausflug zu den Regierungsgebäuden Hefeis und zum gleich südlich davon gelegenen Schwanensee. Hier entdeckte ich außerdem ein Stadion, in dem gerade ein Konzert des taiwanesisch-amerikanischen Sängers Wang Lihong stattfand. Ein paar Impressionen aus Hefei (ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit):

Hier sitzt die Regierung der Stadt Hefei

Das sich noch im Bau befindliche Anhui Radio & TV Center, davor der Schwanensee

In diesen provisorischen Wohnungen wohnen Bauarbeiter
Diese Bilder sehen zum Teil etwas trist aus. Trotzdem ist Hefei insbesondere im Zentrum eine erstaunlich grüne und sogar sehr schöne Stadt, wie ich bei einer kürzlichen Fahrradtour festgestellt habe (aber das hängt natürlich vom einzelnen Teil Hefeis ab). Denn ich habe mir nun ein ziemlich gutes Fahrrad geleistet, nicht solche Drahtesel wie das letzte Mal in Hangzhou.
Und wer sich für chinesische Feiertage interessiert: heute, am 30.9. ist das Mondfest (anlässlich dessen Mondkuchen gegessen wird) und am 1.10. ist der Nationaltag, da dann vor genau 63 Jahren die Volksrepublik China offiziell gegründet wurde, anlässlich dessen ich nun auch eine Woche Ferien habe. Außerdem war am 10.9. der Lehrertag, an dem meine Arbeitsgruppe Zhensheng geschlossen einen Blumenstrauß überreichte – da war ich aber noch nicht da. In Taiwan war der Lehrertag dagegen am 28.9., dem Geburtstag des Konfuzius.